Herzlich Willkommen!

Wissenschaftliche Vogelkunde:

Beringung von Wendehälsen und langfristige Untersuchung des Brutbestandes der seltenen Spechtart in künstlichen Nisthöhlen in der „Viernheimer Heide“ zwischen Lampertheim und Viernheim

Der Wendehals Jynx torquilla ist als einziger Vertreter aus der Familie der Picidae (Spechte) anatomisch nicht an das Klettern an senkrechten Baumstämmen und das Zimmern von Baumstämmen angepasst. Der Vogel des Jahres 1988 erhielt seinen besonderen Namen aufgrund seines besonderen Verhaltens, das er bei Gefahr zeigt. Diese als „Schlangenmimikry“ bezeichnete Abwehrreaktion ist durch langsames Kopfdrehen, Zischlaute, Spreizung der Schwanzfedern und gesträubte Kopffedern gekennzeichnet. Anders als seine Verwandten ist der Wendehals ein Langstreckenzieher, der in der Regel Mitte April bis Anfang Mai aus den Winterquartieren nach Mitteleuropa zurückkehrt.

Die Bestände des Wendehalses haben in Mitteleuropa in den letzten Jahrzehnten dramatisch abgenommen. Für den Zeitraum von 1982 bis 2005 wurde von dem European Bird Census Council (EBCC) ein Rückgang der Bestände um 74 % verzeichnet. In Deutschland ergab das Monitoring von Wendehälsen im Rahmen des ADEBAR-Projektes für die Jahre 2005 bis 2009 einen bundesweiten Bestand von 8500 bis 15000 Revieren. Der Schwerpunkt der Verbreitung ist in den ostdeutschen Bundesländern.

Wendehalsgelege mit 8 Eiern am 7.6.2012 in der „Viernheimer Heide“

Foto: Christian Zurek

Gerade geschlüpfte Wendehälse am 7.6.2012 in der „Viernheimer Heide“. Bei dem rechten Nestling sind am Fersengelenk die sog. „Sitzschwielen“ erkennbar, auf denen sich der Vogel in der Sitzposition abstützt.

Foto: Christian Zurek

Nestlinge am 2.6.2012 „Viernheimer Heide“. Die Vögel bilden instinktiv eine Wärmepyramide.

Foto: Christian Zurek

In Hessen beherbergt das 5455 ha große EU-Vogelschutzgebiet „Wälder der südlichen hessischen Oberrheinebene“, zwischen den Kommunen Bürstadt, Einhausen, Lampertheim, Lorsch und Vierheim, mit 100 bis 130 Brutpaaren mehr als ein Drittel des für Hessen geschätzten Gesamtbestandes von 200 bis 300 Wendehalsrevieren.

Das 164 ha große FFH-Gebiet „6417-403 Viernheimer Waldheide und angrenzende Flächen“ ist Teil des EU-Vogelschutzgebietes. Das bemerkenswerte Vorkommen an Wendehälsen in der „Viernheimer Heide“ fiel im Jahr 2004 im Rahmen einer Grunddatenerhebung für das EU-Vogelschutzgebiet auf. Mit 18 kartierten Wendehals-Revieren in einer 242 ha Probefläche konnte in der „Viernheimer Heide“ ein lokal hohes Auftreten der Spechtart nachgewiesen werden.

Viernheimer Heide und angrenzende Flächen

Seit 2005 erfassen Mitglieder des Lorscher Vogelvereins den Brutbestand der seltenen Spechtart in 200 Nistkästen in der „Viernheimer Heide“. Die Nisthilfen sind an einem 4,5 Kilometer langen Abschnitt, der durch das Gebiet führenden Schotterstraße angebracht.

Alljährlich kontrollieren die Lorscher Vogelschützer zur Brutzeit das vollständige Nistkastenangebot und erfassen zusätzlich den Wendehalsbestand durch eine Revierkartierung. Die geschlüpften jungen Wendehälse erhalten Ringe der Staatlichen Vogelwarte Helgoland. Seit 2009 konnten mehr als 200 Wendehälse in der „Viernheimer Heide“ individuell durch Beringung markiert werden.

Aktuell gelang in der Saison 2014 der Fang eines im Juni 2013 beringten Vogels. Der einjährige Wendehals kehrte aus seinem Winterquartier an seinen Geburtsort in der „Viernheimer Heide“ zurück und brütete erfolgreich in einem Nistkasten.

Beringung eines 12 bis 14 Tage alten Nestlings am 8.6.2012 in der „Viernheimer Heide“.

Foto: Oliver Conz

Junger, fast flügger Wendehals am 8.6.2014 in der „Viernheimer Heide“.

Foto: Christian Zurek

image6

Beringung von jungen Wendehälsen am 17.6.2014 in der „Viernheimer Heide“.

Foto: Christian Zurek

Fang eines in der Brutsaison 2013 beringten Wendehalses am 18.6.2014. Der einjährige Vogel kehrte 2014 als Brutvogel an seinen Geburtsort in der „Viernheimer Heide“ zurück.

Foto: Christian Zurek

Die Ergebnisse der Untersuchungen werden regelmäßig in der naturkundlichen Zeitschrift „COLLURIO“ veröffentlicht. Die entsprechenden Publikationen sowie weitere ausgewählte Arbeiten und Informationen zum Thema sind in der folgenden Literaturliste angegeben.

 

Literatur:

EPPLER, G. (2004): Grunddatenerhebung für das EU-Vogelschutzgebiet „Wälder der südlichen hessischen Oberrheinebene“ – Natura 2000-Nr. 6417-450, Gutachten im Auftrag des Regierungspräsidiums Darmstadt.

POEPLAU, N. (2005): Untersuchung zur Raum-Zeit-Nutzung und Habitatqualität des Wendehalses Jynx toquilla L in Südhessen. – Staatsexamensarbeit TU Darmstadt.

POEPLAU, N. (2008): Ökologie des Wendehalses (Jynx torquilla) am bedeutendsten hessischen Vorkommen im Bereich der Viernheimer Heide (Kr. Bergstraße) als Grundlage gezielter Schutzmaßnahmen. – Collurio 26: 1-9.

SCHNEIDER, K. (2009): Bestandserfassung ausgwählter Brutvogelarten in der Vierheimer Heide. – Bachlorarbeit, vorgelegt von der Fakultät für Biowissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

ZUREK, C. & POEPLAU N. (2011): Brutbestand des Wendehalses (Jynx torquilla) in künstlichen Nisthilfen im FFH-Gebiet „Viernheimer Waldheide und angrenzende Flächen“ in den Jahren 2008 bis 2011.- Collurio 29: 1 – 14.

HGON (HESSISCHE GESELLSCHAFT FÜR ORNITHOLOGIE UND NATURSCHUTZ) (Hrsg.) (2010): Vögel in Hessen. Die Brutvögel Hessens in Raum und Zeit. Brutvogelatlas.- Echzell, 528 S.

ZUREK, C., P. ZUREK & POEPLAU N. (2012): Brutbestand des Wendehalses (Jynx torquilla) in künstlichen Nisthilfen und vergleichende Kartierung von Revieren im FFH-Gebiet „Viernheimer Heide“ in der Saison 2012 – Abschätzung der maximalen Bestandsdichte in dem Untersuchungsgebiet.- Collurio 30: 1 – 16.

Tags: , , , , , ,

Eine Reaktion zu “Vogelkunde: Der Wendehals”

  1. manuel sagt:

    Liebes Vogelpark-Team, lieber Sebastian!
    Ich freue mich echt immer wieder sobald ein neuer eurer Beiträge online ist. Mir als Hobby-Ornithologen macht es einfach einen Höllenspaß von euren Tipps und Tricks in Bezug auf unsere gefiederten Freunde zu lernen.
    Da ich mich auch auf küsntliche Nistmöglichkeiten und Gehäuse zur Aufzucht spezialisiert habe finde ich diesen Beitrag hier im BEsonderen interessant!
    Danke dafür!
    Manuel

Antworten: